Festinstallation

Barrierefrei hören


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Im "Bericht der Bundesregierung zur Lage von Menschen mit Behinderungen vom 15. Dezember 2004" wird im Bereich bauliche und kommunikative Barrieren immer noch großer Handlungsbedarf gesehen.

Vorliegende Normen zum Barrierefreien Bauen DIN 18024 und DIN 18025 befassen sich fast ausschließlich mit mechanischen Barrieren und mit Lösungen, diese zu vermeiden. Da werden z. B. genannt: Maße für Türbreiten, für Treppenstufen, für Schwellen, Steigungen von Rampen und Aufzüge. Wie groß muss ein Aufzug sein, damit man mit dem Rollstuhl hinein fahren kann? Aber welcher Hörgeschädigte oder welcher Sehgeschädigte fährt Rollstuhl? In einem ganz geringen Maße wurden in diesen Normen bisher schon Lösungen für Sehgeschädigte beschrieben. Zum Beispiel die Tasten bei den Aufzügen und die Absenkung der Bordsteinkanten, die dann aber dann doch nicht so weit abgesenkt sind, dass ein Rollstuhlfahrer erschütterungsfrei darüber weg fahren kann, sondern so weit angehoben, dass ein Blinder sie mit dem Stock ertasten kann. An solchen Kollisionsstellen der Anforderungen für verschiedene Nutzer gibt es auch Lösungsvorgaben für Sehgeschädigte. Lösungen für Hörgeschädigte oder gar allgemein gültige Anforderungen sind in diesen Normen praktisch nicht enthalten und werden somit häufig weder berücksichtigt noch umgesetzt.

Immer wieder gibt es ungläubige Nachfragen und große Augen, wenn man versucht, guthörenden Auftraggebern oder Bauherren die immensen Vorteile einer IndukTiven Höranlage für Schwerhörende gegenüber einer Lautsprecher-Beschallung zu erläutern. Sehr oft wird die Auffassung vertreten, eine Lautsprecheranlage brächte doch das Sprachsignal „so deutlich rüber", dass man sich den Aufwand für eine IndukTive Höranlage ersparen könne. „Einem Guthörenden die Vorteile einer IndukTiven Höranlage zu erläutern ist eine ähnlich schwierige Aufgabe, wie wenn man einem Blinden den Unterschied zwischen blau und gelb erklären möchte", äußerte Carsten Ruhe, der Leiter des DSB-Referates Barrierefreies Planen und Bauen (BPB) anlässlich der Einmessarbeiten an der erneuerten Beschallungsanlage der Bad Segeberger St. Marien-Kirche (6-2009).

Es gibt verschiedene Arten von Hörbehinderungen. Die  häufigste ist die Schwerhörigkeit. Man schätzt den Anteil der Schwerhörigen auf ca. 10% der Bevölkerung. Schwerhörige hören in der Regel nicht leiser, sie hören anders. Die meisten Schwerhörigen können die hohen Frequenzen des Schalls nicht mehr genügend wahrnehmen. Dadurch verlieren sie einen Teil der Unterscheidungsmerkmale einzelner Buchstaben, die Silbenverständlichkeit und damit die Satzverständlichkeit sinkt rapide. Insbesondere bei unbekannten Fachausdrücken, Fremdsprachen und Eigennamen führt dies zu einem immensen Informationsverlust. So ist der Ausspruch "Ich höre zwar noch gut, aber ich verstehe die Leute nicht mehr!" typisch. Ein Guthörender sollte einmal am Telefon darauf achten, ob er 'z' von einem 'f' oder 'p' unterscheiden kann. Ergibt es sich nicht aus dem Zusammenhang, wird es auch einem Guthörenden schwerfallen, da die Telefonsignale auf ca. 300-3600 Hz begrenzt werden. Mit zunehmendem Alter sinkt zudem die Konzentrationsfähigkeit um aus dem bekannten Wortschatz eine in den jeweiligen Zusammenhang passende Variante herauszufiltern.

Moderne Hörgeräte ermöglichen eine begrenzte Rehabilitation, indem sie die betroffenen Frequenzbereiche verstärken.
Doch selbst die besten und teuersten Hörgeräte sind in dieser Hinsicht noch weit von den Funktionen des gesunden Gehörs entfernt. Deshalb ist es für Hörgerätträger extrem wichtig, dass durch spezielle Höranlagen die Sprachverständlichkeit unterstützt wird.

Um diesen Menschen das Hören zu erleichtern, sollte es die erste Prämisse sein, ihnen das zu übertragende Signal möglichst störungsfrei zukommen zu lassen.  Dies kann - wie oben angeschnitten - eine noch so gute Lautsprecheranlage nicht leisten, da sie Nebengeräusche aus dem Publikum oder der Umgebung nicht wegfiltern kann. Zudem ist das Lautsprechersignal nur im Direktschallbereich des Lautsprechers eindeutig. Gerade in halligen Umgebungen, zu denen hier leider auch die meisten Kirchen gehören, ist dieser Direktschallbereich nur im direkten Umfeld des Lautsprechers gegeben, das Signal geht schnell im diffusen Schallfeld unter (wird von Reflexionen an den Wänden, Fußboden und Decke) überlagert.


Im allgemeinen lassen sich 4 Hörergruppen klassifizieren:

  • der Guthörende:
    Lautsprecheranlage ist ausreichend
  • der schwach Hörgeschädigte, der sich ohne weitere Hilfsmittel bewegt
    hier sind technische Hilfsmittel bereitzustellen
  • der Hörgeschädigte, der eine Hörhilfe (Hörgerät) benutzt
    hier sind technische Hilfsmittel bereitzustellen
  • der Taube
    hier hilft nur Gebärdensprache oder Untertitel



Welche technischen Hilfsmittel gibt es:

Kopfhörersysteme, Funk- oder Infrarotübertragung

Wir betrachten beide Übertragungsvarianten gemeinsam, sie unterscheiden sich nur bezüglich der Übertragungsrealisation, bezüglich der Wirkung auf den Hörgeschädigten sind sie äquivalent

Zielgruppe:

  • der schwach Hörgeschädigte, der sich ohne weitere Hilfsmittel bewegt
  • der Hörgeschädigte, der eine Hörhilfe (Hörgerät) benutzt

Vorteil:

  • beide Zielgruppen werden gleichermaßen bedient
  • Systeme können zudem für Simultanübersetzung eingesetzt werden, da sie in der Regel über mehrere schaltbare und unterschiedlich ansprechbare Übertragungskanäle verfügen
  • insbesondere die Funkanlagen sind ortsbeweglich und können problemlos verliehen oder alternativ in  unterschiedlichen Räumen genutzt werden.

Nachteil:

  • für jeden Hörgeschädigten muss ein (unabhängig vom Herstellen nicht gerade billiges) Empfängersystem bereitgestellt werden.
  • die sogenannten und häufig bevorzugten Kopfbügelempfänger sind für Menschen mit Hörgerät unbrauchbar, das Hörgerät steckt ja selbst in der Ohrmuschel. Das gleiche gilt für geschlossene Kopfhörer, sie führen beim Hörgerät unweigerlich zu Rückkopplung.
  • unvorhergesehene Betriebsstörungen sind nicht auszuschließen, bei Infrarot muss Sichtverbindung zum Infrarotstrahler bestehen.


Induktionsschleife

Zielgruppe:

  • der schwach Hörgeschädigte, der sich ohne weitere Hilfsmittel bewegt
  • der Hörgeschädigte, der eine Hörhilfe (Hörgerät) benutzt

Vorteil:

  • Hörgeräteträger können durch sich durch Umstellen ihrer Hörhilfe auf die sogenannte T(elefon) - Option ohne weitere Hilfsmittel direkt aufschalten und nutzen somit direkt das auf ihre individuelle Hörschwäche optimierte eigene Gerät.
  • Für Menschen ohne eigene Hörhilfe kann der Veranstalter eigene Induktionsempfänger mit Kopfhörer bereit stellen. Diese kosten in der Regel nur ein drittel im Vergleich zum Funkempfänger.
  • Betriebsstörungen sind nach vorheriger örtlicher Inspizierung und darauffolgender sachgemäßer Installation eher selten, vorausgesetzt, es findet keine weitere bauliche Veränderung in dem Gebäude statt.

Nachteil:

  • Es ist nur ein Übertragungskanal nutzbar, falls für Schwerhörige genutzt, ist kein weiterer Simultanübersetzungskanal möglich.
  • Die Anlage ist in der Regel nicht ortsveränderlich


Welche Technik ist vorzuziehen?


Generell plädieren alle europäischen Schwerhörigenverbände bei ortsfesten Anlagen für die Induktionsvariante. Für Menschen mit Hörhilfen ist sie sofort einsetzbar und steht für eine optimale Übertragung, unabhängig von zusätzlichen Gerätschaften, notwendigen Batterien etc..

Auch seitens der Kosten fällt eine Induktionsanlage in der Regel bereits ab 5 - 10 gleichzeitigen Nutzern günstiger aus.

Jeder Bauherr und Veranstalter, wie auch jede Kirchengemeinde, sollte die technische Umsetzbarkeit einer Induktionsschleife - auch bei einer späteren Einrichtung - prüfen lassen.


Sind neuste Hörgeräte überhaupt 'induktionsspulengeeignet'?

Ja. Ca. 80% der Hörgeräte haben diese Option. Nur wenigen Chinaimporten fehlen sie.
Bei den modernen DSP gesteuerten Geräten unterlassen allerdings die Hörgeräteakustiker häufig die Aktivierung. Ursache sind fehlende Anlagen in vielen Gebieten.


Weitere Infos:

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Das Schwerhörigen-Netz (externer Link)